Mehr oder weniger Wissenswertes
Die Amsel
Und so geschah es, dass sich doch noch jemand fand, der sich dieses fiependen, halbnackten kleinen Amseljungen annahm, das da seit Stunden traurig am Rande des Gehweges saß. Nein, es war keine Katze. Es war ein kinderloses Ehepaar, auf dem Nachhauseweg von einem abendlichen Restaurantbesuch.
Liebevoll aufgepäppelt, wie es wohl keine Amselmutter besser hätte machen können, wurde dieses Amseljunge zu einem richtigen Mitbewohner dort in dieser elterlichen Altbauwohnung im Herzen Eimsbüttels. Bis ihm schließlich, herangereift zum stattlichen Amselhahn, gar ein ganzes Zimmer zur Verfügung gestellt wurde. Mit Freiflug! Abends kehrte er zur Übernachtung zurück! Bemerkenswert und wahr.
Irgendwann jedoch kam der Frühling. Mit aller Macht. Brutzeit!
Voller Inbrunst schwang sich unser Amselhähnchen wie gewohnt in die Wipfel der Eiche gegenüber und intonierte nun, wie von Geisterhand gelenkt mit unerhörter Verve alles, was es an Liebevollem in sich trug!
Die Macht der Hormone!
Im Gegensatz zum weiblichen Menschen, dessen Widerstand mitunter schon beim bloßen Anblick eines nackten, gestählt-schweißigen Betonfacharbeiteroberkörpers zum Erliegen kommen kann, scheint dem weiblichen Vogeltier auch ein gepflegtes Artikulationsvermögen seines werbenden Gegenüber wichtig zu sein.
Während nun seine Geschlechtsgenossen mit arttypischem Minnesang locker ihre Aufrisse machten, musste sich unser kleiner Bräutigam mit einem furchtbaren Umstand anfreunden. Mit der Tatsache nämlich, dass ihm seine Eltern nur Liedgut wie Alle Vöglein sind schon da (volkstümlich) oder Mama (Heintje) in die Wiege gelegt hatten.
Nun sind weibliche Amseln in Brutstimmung weder unwillig noch übertrieben neumodisch; sie verstanden ihn schlicht nicht, mochte er auch ein noch so hübscher kleiner Kerl gewesen sein. Und erfreuten sich auch Spaziergänger hoch verzückt seiner Melodien, ein holdes Weib blieb ihm verwehrt!
Nach Wochen vergeblichen Werbens geriet der arme Kerl so in Stress, dass er annähernd sein gesamtes Federkleid verlor, was seine Eltern letztlich dazu veranlasste, mich als Tierarzt zu Rate zu ziehen.
Nun war ich diesbezüglich weder sangeskundig, noch hätte ich die Zeit gehabt, mich in dieser Sache kausal zu engagieren. Durch eine symptomatische Therapie in Form von gezielten Vitamingaben und ähnlichem gelang es mir aber, zumindest was das Federkleid anlangte, zu helfen.
Die Brutsaison jedoch war vorüber.
Ich weiß nicht, was aus unserem kleinen Freund geworden ist. Vielleicht hat er gelernt, mit seinem Handycap zu leben und erfreut heute - zumindest die älteren Spaziergänger - weiterhin mit seinem letztlich doch wunderschönen Gesang.
Ich glaube, ich werde da noch einmal vorbeischauen. Bei seiner Eiche. Und lauschen!
F.K.